Ein Fluss. Klar, flach, schnell. Das Flussbett aus Steinen. Links und rechts Pflanzen und Baeume die wie natuerliche Wolkenkratzer in den Himmel ragen. Sie ueberschatten alles. Manchmal, vor allem im Morgengrauen, ein Urwaldkonzert. Zwischen 5 und 50 Metern Hoehe befinden sich vor allem Voegel und Affen, die ihre Freude ueber den anbrechenden Tag kundtun. 1000 Arten von Gebruell, Gekreische und Gepfeife, Geraeusche die das Herz eines jeden Soundengineers hoeher schlagen lassen. Eine Multikultiwelt der etwas anderen Art. Eine Welt wie Sie nur wenige in Deutschland kennen. Der Naturfan freut sich ueber eine fantastische Unterhaltung. Eine Welt wie auf Pandora, in Ruediger Nehbergs Berichten oder in Natur Dokus. Eine Welt wie in meinem Fernseher oder meiner Vorstellung. Aber sicher nicht wie in der Realitaet.
Bis vor wenigen Monaten war es genau so. Der Dschungel bloss in meinem Kopf. Mir war klar dass es in Wirklichkeit anders sein wuerde, nur was genau konnte ich noch nicht sagen. Daher kam auch mein Wunsch den Urwald mit allen Sinnen und ganz real zu erleben. Zu spueren wie es wirklich ist, wenn man da drin steht. Ich wollte eine andere Welt, meine damalige Realitaet austauschen und mir viele neue Eindruecke holen. Hier, in den Torfwaeldern Borneos wurde mir dann klar, dass der Wald nicht immer so romantisch und farbenfroh wie in meinen Buechern ist. Selbst Mittags ist die Atmosphaere unten am Boden duester. Es gibt nur Gruen- und Brauntoene um einen herum. Fast ueberall herrscht kurze Sicht; ein einengendes Gefuehl, mit Sicherheit nichts fuer Klaustrophobiker. Je nach Tageszeit und Ort kann es auch sehr still werden. Dann fuehlt man sich alleine und verloren, als waere man in einem verwachsenen Labyrinth oder einer Welt, in die man nicht gehoert. Hier als Mensch alleine zu sein ist zunaechst verdammt seltsam. Die Baueme schweigen einen still und starr an und zu allem Ueberfluss sind die Moskitos immer dabei. Das Sichtfeld vielleicht fuenf Menter, weiter nicht. Der Boden ist zwar eine dicke Schicht Biomasse, aber wer nicht hinschaut tritt ins Leere. Wenn dein Bein dann bis zum Knie im Matsch oder zwischen verrottenden Wurzeln steckt kommt erst mal kurz die Panik: Spinnen, Schlangen, Riesenameisen. Alles koennte sich da drin erschrocken haben und erst mal zubeissen oder -stechen. Aber nochmal gut gegangen. Fuss raus- und weiter.
Zu den ganzen Lebewesen, die man nicht sieht, weil sie perfekt getarnt warten und Dich beobachten kommt noch etwas anderes, das viel schlimmer ist: ganz schnell verliert man hier die Orientierung. Alles sieht gleich aus. Die Sonne kann man nicht sehen, weil es bewoelkt ist und das Baumdach zusaetzlich die Sicht nach oben versperrt. Hier koennte man stundenlang im Kreis laufen ohne was zu merken. Waehrend der Abend und die Dunkelheit immer naeher kommen. Die Vorstellung sich an diesem Ort zu verlieren ist beaengstigend.
Jedem der sich das Abenteuer Urwald geben moechte kann ich an dieser Stelle nur raten sich als erstes einen Kompass und Karten zuzulegen bzw. sich von erfahrenen Einheimischen begleiten zu lassen. Als ich nach meiner ersten Dschungeltour wieder ins lichtere Feld zurueck bin war es wirklich erleichternd. Der Dschungel ist spannend und interessant, auf jeden Fall. Aber wer hier kurz nicht aufpasst macht sich den Traum schnell zum Alptraum…


