Die Geister Borneos – eine Realitaet?

Borneo. Eine Insel der Artenvielfalt, Mystik und wilder Eingeborenenstaemme. Ein Ort, der so dicht von tropischen Waeldern bedeckt ist(war), dass er fuer die meisten aus der westlichen Welt stammenden Menschen ein unpassierbares und unheimliches Dickicht zu sein scheint. Hier gibt es Grosstiere, die einen unbewaffneten Menschen innerhalb von Sekunden toeten koennten. Kleinste Reptilien und Amphibien, die Gifte besitzen, die selbst einen Elefanten niederstrecken. Und sogar Pflanzen, deren Rinde hochtoxisch ist. Diese gefaehrliche und gleichzeitig vielfaltige Welt blieb fuer die meisten Bewohner ueber viele Jahrhunderte hinweg exklusiv und sehr isoliert, so dass sich die Kulturen ueber lange Zeit ohne auessere Einfluesse entwickeln konnten. Bevor Islam und Christentum hier her kamen wurde an alles Moegliche geglaubt… und Geschichten von Geistern und Gespenstern wurden Teil der Kultur.

Als ich in Indonesien ankam, habe ich aehnlich wie viele Einwohner hier an alles Moegliche geglaubt, nur nicht an was Bestimmtes. Ueber Geister oder Magie hatte ich mir zwar noch keine ernsthaften Gedanken gemacht, aber trotz meiner Neugier auf alles Phantastische, war fuer mich klar, dass Zauberei und Gespenster Dinge sind, die sich Leute selber einreden. Eine Verkettung von Zufaellen, gepaart mit dem starken Wunsch nach Etwas, dass man sich nicht erklaeren kann. Das erste mal als dann jemand anfing von Geistern zu reden, war ich amuesiert und freute mich auf eine kleine “Fantasy Story”. Mit viel Respekt hoerte ich ganz unvoreingenommen zu – schliesslich kann niemand beweisen dass es Uebernatuerliches NICHT gibt. Trotzdem konnte ich mir das Schmunzeln nur teilweise verkneifen, denn der Inhalt der Geschichten gepaart mit wirklich ueberzeugten Erzaehlern (normale, intelligente Leute, nicht abgedrehte Verrueckte) waren etwas hoechst Sonderbares fuer mich. Wie konnten diese so einen starken Glauben an etwas haben, dass meiner Ansicht nach eigentlich nur Quatsch sein konnte?

Tatsaechlich ist es in Indonesien so, dass viele Menschen Geister und Magie fuer etwas ganz Normales halten. Die Existenz von Geistern wird von den allerwenigsten angezweifelt, selbst wenn man nie welche gesehen/erlebt hat. In den Doerfern ist diese Sicht besonders ausgepraegt. Beim Herumfragen habe ich in den letzten Monaten verschiedene Geschichten ueber Magie gehoert. Oft geht es um das Verfluchen oder Verhexen von persoenlichen Feinden. Laut der Erzaehlung einer Bekannten zum Beispiel, wurde ein Mann sehr krank nachdem er einen Mitarbeiter entlassen hatte. Er blieb mehrere Tage zu Hause doch seine Schmerzen im Magenbereich wurden nicht besser. Seine Hautfarbe wurde im wahrsten Sinne des Wortes fahl und grau! Als der herkoemmliche Arzt nichts finden konnte, wurde ein „Dukun“ gerufen, eine Druide oder Hexenmeister, der den Kranken darauf hin behandelte bis dieser sich Erbrach. Im Erbrochenen fanden sich Metallnaegel die die Beschwerden angeblich ausgeloest hatten. Dieses Phaenomen nennt man in Indonesien Djengges, wobei die Dukuns einen Menschen verfluchen bzw. kleine spitze Gegenstaende (Nadeln, Naegel oder Glas) in ihn hinein hexen koennen…
Eine andere Geschichte erzaehlt von Geistern, die zwar keinen Schaden anrichten aber regelmaessig in leerstehende Haeuser kommen. Eine Bekannte, die vor vielen Jahren von England nach Indonesien gezogen ist, erzaehlt von Geistern die in ihrem Haus wohnen, wenn Sie nicht da ist. Der Nachbarsjunge der ums Haussitting gebeten wurde, erzaehlt, eine unbekannte Frau sei vorbeigekommen und haette ihm gesagt, er solle ja gut aufpassen! Die Frau kannte keiner und wurde nie wieder gesehen. Nach der Rueckkehr meiner Bekannten passierten seltsame Dinge. So wurde sie nachts mehrfach von einer unbekannten Stimme gerufen von der Sie meint, es handle sich um einen Geist…

Die Liste der Dinge die Geister tun sowie die Zaubereien die angeblich moeglich sind ist unendlich. Ein ganz offenes Gebiet, wo keiner sagen kann was wahr und was ersponnen ist. Aber es geht noch weiter: die Geschichten, die ich bei allem guten Willen nicht mehr ernst nehmen kann sind zum Beispiel Erzaehlungen ueber die KUYANG-Hexen, die sich Nachts unbewusst verwandeln koennen und dann das Blut von Kleinkindern trinken. Diese Verfluchten trennen durch einen Schnitt mit dem Fingernagel am eigenen Hals ihren eigenen Kopf vom Rest des aeusseren Koerpers ab und fliegen dann, mit den herabhaengenenden Eingeweiden, durch die Nacht auf der Suche nach Blut… sehr abenteuerlich. Oder der BAHUTAI, ein hundeartiges Wesen, dass wie ein Haustier von boesen Menschen gehalten wird und auf andere gehetzt werden kann. Sein ganzer Koerper strahlt Licht aus, er kann durch Waende laufen und wird von schwarzen Magiern gehalten. Und die TONG-TONG Gespenster, die Leichen besetzen und so, ueber den Koerper der Toten in unsere Welt eingreifen.

Naja. Das sind ein paar der Klassiker hier… es gibt aber viele Formen von Geistern und Geschichten. Und natuerlich bleibt es jedem selber ueberlassen, was Fakt und was Fiktion sein soll. Viel interessanter aber ist, dass paranormale Phaenomene vollkommen akzeptiert sind; sie sind tief mit der Kultur verwurzelt. Ein Typ meinte neulich zu mir „Im Dschungel kann 1+1 auch 3 sein“ und „nur weil ich etwas mit Logik nicht erklaeren kann, heisst das noch lange nicht, dass es nicht da ist“. Und wahrscheinlich versucht man deshalb haeufig erst gar nicht Seltsamem mit Logik oder trockener Rationalitaet zu begegnen. Die Menschen glauben nicht an die Allmacht der Logik, wie wir es aus Deutschland kennen, sondern viel mehr daran, dass die Welt fuer uns im Grunde nicht erklaerbar ist. So wird das Schicksal, Unheil, Glueck oder eben die Geister, einfach aktzeptiert – oft ohne eine Erklaerungsversuch zu wagen.

Der WWF muss, da er mit den Communities nah zusammenarbeiten will, natuerlich auch auf sowas eingehen. Auch im Sebangaugebiet gibt es den fuer Indonesien typischen Synkretismus (in diesem Fall Vermischung von Islam oder Christentum mit Legenden aus dem Animismus), so dass gelegentlich vor dem Bau von Daemmen Rituale durchgefuehrt werden in denen es um die “Beschwoerung” von Geistern geht. Dabei treten die anerkannten spirituellen Oberhauepter, denen besondere spirituelle Faehigkeiten zugesprochen werden, mit den Energien und Geistern in Kontakt. Bei der Durchfuehrung wird gesungen/gebetet manchmal getanzt und meist ein kleineres Tier wie ein Huhn geopfert (keine Sorge: das wird nach der Zeremonie auch gegessen). Waehrend die Mitglieder des Dorfes zusammen im Kreis sitzen, brummt der Zauberhaeuptling seine Mantras. Und nach 30 Minuten ist alles vorbei. Die Geister wissen jetzt, wieso man in den Wald kommt und was dort getan wird. Und die Locals vor Ort haben keine Sorgen mehr verhext oder verrueckt zu werden bzw. nach ihrer Rueckkehr an einer unheilbaren Krankheit/ einem Fluch zu verenden (weil sie unangekuendigt/unerlaubt ins Gebiet der Geister eingegriffen haben/ eingedrungen sind).

Was so erzaehlt erst mal etwas lustig erscheint, ist in manchen Doerfern noch eine total normale Angelegenheit. Es bleibt jedem selber ueberlassen, ob er daran glaubt, dass sich Geister durch ein paar Gebete und ein aufgeschlitztes Huhn besaenftigen lassen, oder nicht. Aber es ist ohne Zweifel auch fuer mich persoenlich immer ein gutes Gefuehl solchen Vorsichtsritualen Folge zu leisten, sie vollends ernst zu nehmen und dann ganz positiv eingestellt in den Wald zu gehen. Und so mache auch ich lieber ein Gebet oder eine Waschung zuviel, als dann nachher in der Einsamkeit der Wildnis anzufangen, mich mit den eigenen Gedanken zu verunsichern…

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