Flying Foxes

Seit einigen Monaten lebe ich ja nicht mehr alleine in einem Apartement sondern mit der Familie einer guten Freundin zusammen (es ist in Indoland uebrigens ganz normal, dass Leute, die nicht mehr bei ihren Eltern wohnen, meist wegen eines Studiums, weit weg von zu Hause, bei befreundeten Familien unterkommen). Die Eltern sind Dayak christlichen Glaubens und kommen aus einem Dorf im Suedwesten Zentral Kalimantans, wo heutzutage leider nur noch Palmoelplantagen stehen. Mit dem Sohn Dennis, bin ich Fledermauese einkaufen gefahren. Oder besser gesagt Flughunde. Auf dem Motorrad ging es los zu einem der Strassenstaende am anderen Ende der Stadt, der woechentlich die Flughunde fuer ca $5 anbietet. Als wir ankamen, stand da ein Moped auf dessen Ruecksitz ein rostiger Kaefig befestigt war, in dem ca. 20 Flughunde hingen. Die Dinger sehen aus wie riesige Fledermaeuse, nur nicht so haesslich, und Kopf und Schnauze erinnern eher an Hunde bzw. Fuechse. Nach Dennis’ Bestellung zerrte die Frau die kreischenden Tiere an einem Stock mit Haken aus dem Kaefig und nach ein paar dumpfen Schlaegen auf den Kopf waren sie ausgeknockt. Dann wurden sie in Tueten gepackt und liegen inzwischen tot, mit abgezogenem Fell in der Kueche und werden spaeter zubereitet.

Das ganze hoert sich fuer die einen oder anderen sicher schrecklich an. Und auch mir wurden beim Zusehen ziemlich uebel. Aber ehrlich gesagt ging es schneller als ich gedacht hatte – ich hatte es mir schlimmer vorgestellt. Das einige Einheimische hier Flughunde essen ist nun mal leider Realitaet. Frueher haben die Dayak fast alles gegessen was der Wald an Tieren hergab (erst neulich hab ich einen Strassenstand mit „Daging Ular“ (Schlangenfleisch) gesehen). Sie schraenkten das erst ein, als sich der Islam immer mehr durchsetzte, denn damit wurde der Fleischverzehr staerker regelmentiert. Inzwischen essen nur noch die Dayaks die etwas exotischeren Fleischarten, deren Religion es ihnen nicht explizit untersagt (also meist Christen und Kaharingan) bzw. die, die es mit der Religion nicht so eng sehen.

Wo die Flughunde genau herkommen, kann ich nicht sagen, aber ich wuerde mich nicht wundern, wenn sie aus dem Nationalpark selber stammen. Genau wie viele der Singvoegel, die traditionell in Indonesien gehalten werden und sicherlich auch hauefig aus den Reservaten geholt werden. Offiziell ist das natuerlich nicht erlaubt. Aber selbst mit Zaeunen waere dieses riesige Gebiet (sechs mal die Flaeche Berlins), nicht kontrollierbar und auch wenn die Behoerden beweisen koennten, dass da gewildert wird, wuerden sie kaum etwas dagegen tun können. Das ist so aehnlich wie mit dem Rauchverbot in Berliner Kneipen: es steht, aber man tut sich schwer die Leute zur Durchsetzung zu zwingen. Da es meistens Javaner sind, die in den staatlichen Institutionen sitzen (und somit die Verbote regulieren), faellt es doppelt schwer den einheimischen Dayak, die mit dem Verkauf von Tieren ihre Familien ernaehren, etwas von Moral und Artenschutz zu erzaehlen. Schliesslich ist hier Dayak Land. Und zu guter Letzt weiss man oft gar nicht genau, in wie weit kleinere Tiere tatsaechlich vom Aussterben bedroht sind.

Mir persoenlich faellt es immer sehr schwer bei solchen Themen das richtige Verhalten/ die richtige Kritik im vernuenftigen Ton zu treffen. Denn einerseits will ich ja meine Sicht verdeutlichen und den Menschen klar machen, dass Wildern und Tiere einsperren in meinen Augen super uncool ist, andererseits bin ich hier der Gast und Aussenseiter und es hat auch immer etwas Ueberhebliches wenn die Westler (mit ihren schier endlos scheinenden Moeglichkeiten) die Traditionen der Einheimischen kritisieren und ihnen das bischen ihrer Moeglichkeiten auch noch nehmen wollen. So seh ich bei manchen Dingen lieber zu und sage nichts – auch wenn ich schockiert und dagegen bin.

Der Flughund jedenfalls landete dann abends im Topf. Und wurde mit Reis, Sausse und etwas Salat serviert. Ich selber habe verzichtet, was die anderen nicht so sehr gestoert hat, es gab ja dann mehr fuer sie. Das Fleisch soll sehr suess sein, da sich die Flughunde nur von Honig ernaehren und ausserdem ist es obad asma (= Medizin gegen Asthma) bzw., wie Dinis Vater sagte, fuer die die kein Astma haben: obad lapar (= Medizin gegen Hunger). Haha.

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